WOHNHAUS-ENSEMBLE PREINSBACHER STR.

Preinsbacher Straße 5 und 9, 3300 Amstetten, A: Leopold Spreitzer, 1910-1912; Preinsbacher Straße 7, A/ BH: Franz Schüller, 1910-1912; Kamarithstraße 1-3, A: Leopold Spreitzer jr., 1905-1910.

Mit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts ging auch die Urbanisierung in der niederösterreichischen Bezirkshauptstadt Amstetten einher. Im Zuge dessen kam es zum Bau von bürgerlichen Miethäusern, wie etwa dem Ensemble in der Preinsbacher Straße und Kamarithstraße. Die unterschiedlichen Dekorationskonzepte zwischen Historismus und Jugendstil lassen sind anhand der vier gewählten Fassaden gut nachvollziehen. Die Beispiele zeigen verschiedene Dekorvarianten von Bauwerken aus der selben Bauzeit.

Bearbeitet von Way-Yu Chen, Karoline Herdin, Milena Vogl.

FASSADENANALYSE DER MIETSHÄUSER PREINSBACHER STRASSE NR. 5, 7
UND 9 SOWIE KAMARITHSTRASSE NR. 1-3

PREINSBACHER STRASSE 9

Das Gebäude Preinsbacher Straße 9 ist ein dreigeschoßiges Eckhaus mit einem risalitartigen Fassadenvorsprung an der Straßenecke. Es wurde in den Jahren 1910-1912 nach Plänen von Leopold Spreitzer erbaut und steht direkt am Ufer des Gschirmbaches. Das Haus hat eine L-förmige Grundform, deren längere Seite mit jeweils sechs Fenstern pro Stockwerk sich entlang des Baches erstreckt, während sich die Front an der Preinsbacher Straße in drei Fensterachsen gliedert. Im Erdgeschoß befindet sich in der ersten Achse anstelle eines Fensters der Eingang, der die gesamte Geschoßhöhe einnimmt.  Auskragende Gesimse über dem Sockel und zwischen Erdgeschoß und erstem Obergeschoß sowie ein breit hervorstehendes Dachgesims gliedern das Gebäude horizontal. Die vertikale Gliederung wird durch schmale, hohe Fensteröffnungen erzielt.

GRAFISCHER DEKOR MIT TEXTILEM CHARAKTER
Der grafisch wirkende Dekor weist keine bildlich-figürlichen Elemente auf. Die vertikalen und horizontalen Putzdekorelemente unterstreichen die bauliche Gliederung. Die Pilaster erzeugen einen klaren und strukturierten Eindruck.

HISTORISIERENDE KUPPEL
Eine stilistische Besonderheit stellt die sechseckige Glockenkuppel über dem Eckrisalit dar. Sie kann als Interpretation einer Renaissancekuppel gesehen werden, wie es für den historisierenden Stil typisch ist. Von der Straße aus ist die Kuppel kaum sichtbar, da sie hinter das breite Dachgesims zurücktritt. Aus der Ferne betrachtet bildet sie jedoch optisch ein Gegenwicht zum Haus in der Preinsbacher Straße 5, das ebenfalls am Blockende eine Kuppel aufweist.

PREINSBACHER STRASSE 7

Das ebenfalls in den Jahren 1910-1912 erbaute Wohnhaus Preinsbacher Straße 7 ist das kleinste Objekt im Wohnhausensemble und fungierte vermutlich als repräsentatives Wohnhaus der Familie Franz Schüllers, der in der Literatur als Architekt des Hauses genannt wird. Das Objekt hat eine quadratische Grundform und erstreckt sich über zwei Geschoße. Die strikt symmetrische Gliederung der Fassade mit einem dekorativ abgesetzten Zentralteil mit Giebel, in dem auch das Portal platziert ist, und die hohen Fenster erinnern an das Gestaltungskonzept Otto Wagners, der eine geometrische Bauweise und eine symmetrische Gestaltung der Fassade als Ideal des Wiener Sezessionsstils für Wohnhäuser beschrieb.

Besonders reich an sezessionistisch verspieltem Dekor ist die Fassade im zweiten Obergeschoß (OG). Das im zentralen Feld befindliche Fenster ist anstelle des Fensterrahmens mit einem dekorativen Blattband in grüner Farbe versehen. Über diesem Fenster befindet sich ein Fries, der von zwei lisenenartigen Putzquadern begrenzt ist. Unter diesem Fenster erstreckt sich ein Sohlbankfeld mit zwei Kassetten, die Schmuckrosetten tragen. Zu den Ornamenten zählen auch Mehrfachfestons. Die grünen Blattkränze erwecken den Anschein mit Schleifen und Knöpfen an der Wand befestigt zu sein. Der Hinweis auf textile Ornamentik wiederholt sich in mit stilisierten Quastenbändern verzierten Konsolen unter den Sohlbänken im ersten Stock. Dies mag an Vorhänge erinnern, mit denen Otto Wagner Fassaden grundsätzlich verglich.

PREINSBACHER STRASSE 5

Stilistisch ein wenig aus der Reihe fällt das 1910-1912 ebenfalls von Leopold Spreitzer erbaute Wohnhaus in der Preinsbacher Straße 5. In Baustil und Ornamentik mischen sich barockisierende Elemente mit den dekorativen Stilisierungen sezessionistischer Prägung. Die horizontale Gliederung obliegt vorrangig baulichen Elementen und sorgt für den barockisierenden Charakter. Dazu zählen stark auskragende Gesimse zwischen jedem Stockwerk und unter dem Dach, der auskragende Erker sowie die Dachgiebel.

SEZESSIONISTISCHER UND BAROCKISIERENDER DEKOR
Die vertikale Gliederung der Fassade erfolgt vor allem über den Dekor, der dem sezessionistischen Stil zugeordnet werden kann. Die Pilaster, die sich vom Dachgesims bis zum Sockelgesims erstrecken, sind an den Rändern mit feinen Blattranken besetzt.

Die Fenster der beiden Stockwerke weisen ornamentierte Verdachungs- und Brüstungsspiegel auf. Die Verdachungsspiegel des ersten OGs und die Brüstungsspiegel des zweiten OGs. Die Verdachungsspiegel des ersten Stocks und die Brüstungsspiegel des zweiten Stocks sind nur durch das Gurtgesims getrennt. Die Verdachungsspiegel der Fenster des Erdgeschoßes bestehen aus kleineren vertikalen Akanthusranken und einem Streifendekor, jene des zweiten Stockes aus hervortretenden eingerollten Akanthusblättern.

Folgende Bauelemente zeigen den barockisierenden Stil:

  • Erkerkuppel mit Haubendach und Zwiebellaterne
  • geschwungener Giebel
  • horizontale Fassadengliederung: auskragendes Gurt- und Sockelgesims 
  • hervortretende Verdachungsspiegel über den Fenstern 
  • rechteckige Fensterschürzen mit geschwungenem unteren Rand im ersten Stock

Folgende dekorative Elemente weisen sezessionistischen Charakter auf:

  • Fries in Form einer Blattranke aus stilisierten Akanthusblättern und -knospen
  • stilisierte Akanthusblätter an den hervorstehenden Verdachungsspiegel im zweiten Stock 
  • Blumenrosetten an den Fensterschürzen im ersten Stock 
  • vertikale Blattranken an den Fenstern und Fensterschürzen im zweiten Stock
  • mit Blattranken begrenzte Pilaster als vertikale Gliederungsornamente.

KAMARITHSTRASSE 1-3

Das dreigeschoßige Wohnhaus in der Kamarithstraße 1-3 wurde in den Jahren 1905-1910 von Leopold Spreitzer jr. erbaut. Das Objekt weist eine quaderförmige Grundform auf, deren Längsseite der Straße zugewandt ist. Die den zentralen Teil der Fassade markierenden Steinranken reichen über die beiden oberen Geschoße bis zur oberen Fensterkante. Zu sehen sind eingerollte Akanthusblätter und -blütenknospen. Lisenen zwischen den Fenstern sowie im zentralen Feld der Fassade lassen erst auf den zweiten Blick florale Verzierungen erkennen. Zwischen den stilisierten Eichenblättern finden sich samenähnliche Kugeln.

In den Fensterachsen zwischen erstem und zweitem Obergeschoß sind üppig gefüllte rote Vasen zu sehen, welche an das Füllhorn der Göttin Demeter erinnern. Steinrosetten sind ebenfalls seit der Antike ein beliebtes Dekorationselement. In der sezessionistisch geprägten Variante dieses Objekts ist die Blüte stark stilisiert und erinnert an Mohnblumen.

QUELLEN

Abrihan, Christian (2013): Wien – Dekorative Fassadelemente in der Gründerzeit zwischen 1840 und 1918. Gestaltungsgrundsätze. Wien: Stadtentwicklung Wien, MA 18.

Archipendium (Hg.): Architektur-Lexikon.Risalit, unter: https://archipendium.com/architekturwissen/architektur-lexikon/risalit/ (6.2.2021).

Kulturpool (Hg.): Wiener Jugendstil (Secessionsstil), unter: http://www.kulturpool.at/display/smartworks/Wiener+
Jugendstil+%28Secessionsstil%29 (24.1.2021).

Mostwiki : Amstetten, unter: https://www.mostwiki.at/amstetten (12.12.2020).

TU Graz (Hg.): AEIOU. Jugendstil, unter: http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.j/j817307.htm (6.2.2021).

Wagner, Otto (1914): Die Baukunst unserer Zeit. Wien: Schroll, T39, unter: https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/
titleinfo/2032174 (6.2.2021).

Wien Geschichte Wiki (2020): Historismus, unter: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/index.php?title=Historismus&oldid=434047 (24.1.2021).

BILDNACHWEISE

Historische Aufnahmen aus der Sammlung des Az W, Nachlass Friedrich Achleitner.
Aktuelle Aufnahmen: Fotos der Autorinnen, 2020.
Fassadenansichten: Zeichnungen der Autorinnen.